DGB-Frauen
 

    Stellungnahme der Initiative Gute Gleichstellungsarbeit in Goslar

    In Goslar wundert man(n) und frau sich. Teils können wir es verstehen. Wir würden uns auch sehr wundern, wenn wir lesen würden, dass in einer deutschen Stadt eine Gleichstellungsbeauftragte abgewählt wurde, weil sie sich auch um Männer kümmere. Wir wundern uns aber auch darüber, dass renommierte Tageszeitungen und Magazine ganz offensichtlich unkritisch bzw. einseitig Meinungen veröffentlichen. Frei nach dem Motto "Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten".
    Deswegen stellen wir allen Interessierten folgenden Text zur Verfügung. Er beinhaltet eine Sicht der Dinge von Menschen (Frauen und Männern), die über Jahre Erfahrungen mit der ehemaligen Goslarer Gleichstellungsbeauftragten vor Ort sammeln mussten. Wir haben damit einen Vorteil - auf den wir gern verzichtet hätten - gegenüber denjenigen, die sich zu Wort gemeldet haben, obwohl sie selbst nicht das alltägliche Agieren der Gleichstellungsbeauftragten erlebt haben.

    Im Folgenden lesen Sie in Kürze einige gut recherchierte und belegte Fakten und (Achtung!) Meinungen zur ehemaligen Goslarer Gleichstellungsbeauftragten.

    Goslar - die feministische Hochburg

    Wer das glaubt, der glaubt auch, dass es in Goslar einige "Retrofeministinnen" geschafft haben, eine Hexenjagd auf die Gleichstellungsbeauftragte zu eröffnen, mit dem Ergebnis, diese ihres Amtes zu entheben. Wer das glaubt, der glaubt auch, dass dies geschah, weil sich die ehemalige Gleichstellungsbeauftragte auch um die Gleichstellung von Männern gekümmert haben soll.

    Tatsache ist, wie aus gut informierten Kreisen nun verlautbart wurde, dass Goslar weder als Schauplatz des viel beschworenen Geschlechterkampfes noch als feministische Hochburg aufgefallen ist.

    Obwohl in Goslar schon sehr lange fundierte Gleichstellungsarbeit geleistet wird, ist die dazugehörige Frauenförderung noch nicht soweit gediehen, dass von echter Chancengleichheit in Beruf und Privatleben ausgegangen werden kann. So sind hier Frauen in Führungsfunktionen immer noch rar. Auch in kommunalen Entscheidungsgremien sind sie unterrepräsentiert.

    Goslar ist kein Paradies für Frauen, die familiäre (Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, Familienorganisation, Haushaltspflichten, …) und berufliche Anforderungen bewältigen wollen/müssen. Die hohe Quote von lediglich teilzeitbeschäftigten Frauen, Frauen in Minijobs, ungleiche Bezahlung und die sich daraus ergebende Altersarmut sind Themen, die erwähnt werden müssen.

    Die ehemalige Goslarer Gleichstellungsbeauftragte hat all diese Dinge öffentlich in Abrede gestellt beziehungsweise als selbst gewähltes Leid der Frauen dargestellt. Zitat: "Frauen gönnen sich für Familienarbeit Zeit, in dem sie Teilzeit arbeiten. Sie scheuen sich, einen in Teilzeit arbeitenden Ehemann mitzuversorgen, damit dieser seinen Teil der Familienarbeit unter guten Bedingungen leisten kann."

    Aus Sicht der ehemaligen Goslarer Gleichstellungsbeauftragten und ihrer Anhänger ist die Gleichberechtigung längst hergestellt. Mittlerweile seien Frauen über die Maßen begünstigt und jetzt seien einfach mal die Männer dran. Dieser Weltsicht entspringt die Glaubensfrage, die in den vermeintlichen Geschlechterkrieg mündete. Ein Krieg, der durch die ehemalige Goslarer Gleichstellungsbeauftragte herbeigeredet wurde. Zitat: "In einer Gesellschaft, in der alles für Frauen und nichts für Männer getan wird, verweigern sich zunehmend auch gut ausgebildete Männer dem Arbeits- und dem Partnermarkt".

    Danach befragt, woher sie ihre sonderbaren Erkenntnisse schöpfe, konnte die ehemalige Goslarer Gleichstellungsbeauftragte keine Quellen nennen und unterstellte den interessierten Nachfragenden ein Informationsdefizit und provinzielle Beschränktheit. Diese Art der Argumentation zog sich wie ein roter Faden durch ihre Aussagen und bestimmte ihr Handeln.

    Bereits im ersten Jahr ihrer Tätigkeit wurde deutlich, dass es unterschiedliche Auffassungen über die Inhalte von Gleichstellungsarbeit zwischen der damaligen Gleichstellungsbeauftragten und Frauennetzwerken gab. Nachdem sie es nicht schaffte, in diversen Goslarer Netzwerken Zustimmung für ihre Ansichten zu erlangen, suchte sie sich außerhalb Goslars Mitstreiter für ihre Weltsicht und umgab sich mit einer Anhängerschaft, deren Nähe zum rechten politischen Rand bedenklich stimmt. Entgegen ihrer Darstellung kann auch kein nachhaltiges Wirken für Frauenförderung oder die Gleichstellungsarbeit insgesamt festgestellt werden, wie in ihrer Tätigkeitsbeschreibung vom Rat der Stadt Goslar gefordert. Nach vielen fruchtlosen Versuchen waren wir es leid, unsere Zeit weiter an eine einzelne Person zu verschwenden, die keinen Wert auf eine förderliche Zusammenarbeit vor Ort legte.

    Im April 2010 appellierte die Initiative "Gute Gleichstellungsarbeit in Goslar" eindringlich an die Verantwortlichen in Stadt, Verwaltung und Rat, auf eine sachgerechte und konstruktive Gleichstellungsarbeit im Sinne der offiziellen Stellenbeschreibung tätig zu werden.

    Hier der Wortlaut:

    "Appell für eine diskriminierungsfreie Gleichstellungsarbeit in der Stadt Goslar

    Die Unterzeichnenden appellieren an die Stadt Goslar, die Gleichstellungsarbeit in der Stadt Goslar auf der Basis der rechtlichen Grundlagen unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Realitäten umzusetzen. Wir sind Bürgerinnen und Bürger, die in dieser Stadt leben und arbeiten bzw. vertreten Gruppen und Institutionen, die in unterschiedlichen Arbeitsfeldern einen Beitrag zur Verwirklichung einer gleichberechtigten Teilhabe der Menschen in vielen Lebensbereichen leisten. Wir stellen fest: Es gibt akuten Handlungsbedarf, damit die Stadt Goslar inhaltlich und von der Darstellung her wieder für eine konstruktive und sachgerechte Gleichstellungsarbeit steht.

    Wir distanzieren uns

  • von den derzeitigen Bestrebungen, in Goslar einen Geschlechterkampf zu institutionalisieren,
  • von Frauen diskriminierenden und diskreditierenden Aktivitäten und Verlautbarungen der Gleichstellungsbeauftragten,
  • von Darstellungen der Gleichstellungsbeauftragten, die die tatsächliche mittelbare und strukturelle Benachteiligung von Frauen negiert, und
  • von einer Öffentlichkeitsarbeit, die mit sachfremden und abwertenden Aussagen die kontinuierliche Arbeit von Institutionen diffamiert und geeignet ist, in der Sache Schaden anzurichten.
  • Wir wollen

  • eine nachhaltige und strukturelle Gleichstellungsarbeit, die wertschätzend mit vorhandenen Kompetenzen und regionalen Netzwerken umgeht;
  • eine geschlechtergerechte und geschlechtersensible Gleichstellungsarbeit;
  • eine qualifizierte und fachlich fundierte Gleichstellungsarbeit;
  • eine Gleichstellungsarbeit, die die tatsächlich in vielen Bereichen notwendige Frauenförderung ernsthaft und sensibel voranbringt;
  • eine konstruktive Zusammenarbeit mit Beratungseinrichtungen sowie die Unterstützung von haupt- und ehrenamtlich Tätigen im Bereich der Gleichstellungsarbeit und einen Umgangsstil und ein Verhalten, das für eine gute Zusammenarbeit förderlich ist.
  • Wir fordern die Verantwortlichen auf, in diesem Sinne tätig zu werden."


    Wir sehen in Goslar durchaus die Notwendigkeit, etwas für Männer/Väter/Jungen zu tun. Wir haben nichts dagegen, wenn in Goslar eine Zuflucht für männliche Opfer häuslicher Gewalt eingerichtet würde (was die ehemalige Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Goslar im übrigen abgelehnt hat) oder auf spezifische gesundheitliche Problemstellungen von Männern hingewiesen wird. Aber nicht auf Kosten des Goslarer Frauenhauses und nicht auf einem Forum für an Brustkrebs erkrankte Frauen!

    Wir haben etwas dagegen, dass unsere Arbeit für einen gesellschaftlichen Konsens von jemandem torpediert wird, der/die aus welchen Beweggründen auch immer (dazu ersparen wir uns jegliche Spekulationen) auf Kampf programmiert ist und das ihr anvertraute öffentliche Amt missbraucht, um Frauen und Organisationen zu diskreditieren, zu diffamieren und Menschen zu instrumentalisieren und dem Erzielen von Schlagzeilen eine höhere Priorität einräumt als nachhaltiger und kompetenter Gleichstellungsarbeit.

    Wir bedauern, dass viele Menschen auf die vordergründige Medien-Kampagne von Antifeministen hereingefallen sind. Wir sind erleichtert, dass die von engagierten Menschen installierte Funktion der Gleichstellungsbeauftragten in Goslar nicht mehr von einer Stelleninhaberin missbraucht werden kann, die für dieses Amt denkbar ungeeignet war.

    Nebenbei: Wer die ehemalige Goslarer Gleichstellungsbeauftragte als Opfer einer Hexenjagd darstellt, tut ihr zu viel Ehre an, denn als Hexen wurden weise Frauen bezeichnet, die aufgrund ihres Wissens und ihrer Absicht, Gutes zu tun, im Mittelalter verfolgt und geächtet wurden.

    Juni 2011


Home