Rede von Bernd Krage-Sieber zum 1.
Mai 2004 zum Motto
"Unser
Europa - frei, sozial und gerecht"
(Langfassung; gehalten wurde eine
gekürzte Fassung)
Liebe KollegInnen,
mit dem heutigen Tage sind 10
Länder Neumitglieder der Europäischen Union (EU): Estland, Lettland
und Litauen, Polen, Tschechien und die Slowakei, Ungarn und Slowenien sowie
die Inseln Malta und Zypern.
-
Die Unternehmen freuen sich über
einen größeren Binnenmarkt,
-
viele Reiselustige freuen sich über
leichteres Reisen,
-
viele Osteuropäer freuen sich
– allerdings vorerst vergeblich – auf Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland
oder Schweden (übrigens nur dort wird das ab sofort gehen!),
-
ich freue mich darüber, dass
das maltesische Billigflaggenregister abgeschafft werden muss,
-
die Roma in der Slowakei können
auf bessere menschenrechtliche Behandlung hoffen,
-
manche Tschechen und Slowaken können
wieder besser zueinander kommen,
-
die Bundesregierung hofft auf allerlei,
z.B. auf mehr Umweltschutz und Frieden in Europa usw. usf.
Aber, liebe KollegInnen, viele haben
auch einfach Angst: z.B. vor der Abwanderung von Arbeitsplätzen. Schauen
wir da einmal einen Augenblick genauer hin:
Wir bekommen ja gerade ständig
um die Ohren gehauen, dass die hohen Kosten am Standort Deutschland die
Unternehmen vertreiben und dass die niedrigen Steuern und Abgaben sie nach
Osteuropa locken, z.B. in die Slowakei, wo die Einkommensteuer einheitlich
z.Z. 19 % beträgt. Viele, auch GewerkschafterInnen, glauben das unbesehen,
weil es so logisch klingt. Herr Pierer von Siemens nutzt bekanntlich gerade
die wachsenden Sorgen der Menschen dafür, in seinem Konzern Mehrarbeit
bei gleichzeitigem Lohnabzug zu erpressen.
Zunächst: Was so oft nach
Sorge um deutsche Arbeitsplätze klingt, stellt sich meist als interessiertes
Argument derer heraus, die hier in Deutschland für die Arbeitnehmer
niedrigere Löhne und für die Unternehmen noch niedrigere Steuern
und Abgaben wollen. Tatsache ist aber:
-
Jedes dritte Unternehmen hat inzwischen
seine Auslagerungsentscheidung rückgängig macht, weil es andere,
modernisierungsförderliche Standortfaktoren in Deutschland furchtbar
unterschätzt hat, die in Osteuropa vielfach fehlen, also: solide Infrastruktur,
hohes Bildungsniveau, wenig Streiks, keine explosiven Sozialkonflikte usw.
-
Zudem zeigen Umfragen bei Betrieben,
dass die wichtigsten Beweggründe der Unternehmen für die Auslagerung
eben nicht die Steuern und Abgaben sind.
-
Schließlich ist auch Fakt,
dass sehr viele Betriebe mit ausländischen Standorten die Zahl ihrer
Inlandsbeschäftigten tatsächlich erhöht - und nicht gesenkt
- haben.
-
Und: viele wissenschaftliche Untersuchungen
gehen davon aus, dass trotz Opfern im Einzelnen für Deutschland per
Saldo kein Grund zu übertriebener Sorge gegeben ist.
Diese kleinen Beruhigungspillen gehen
aber nicht an die grundsätzlicheren Probleme, von denen ich hier der
Kürze halber nur drei ansprechen möchte:
-
die Gefahren eines europa- (und welt)weiten
Sozial- und Umwelt-Dumpings,
-
gewisse undemokratische Strukturen
in der EU und
-
die Gefahr einer weiteren Militarisierung
der EU.
Zunächst zum Sozial- und Umwelt-Dumping:
Das hängt zusammen mit jener
Grundorientierung in der Wirtschaftspolitik, die wir als „neoliberal“ bezeichnen
und die europa- und weltweit immer mehr zum Tragen kommt, namentlich auch
in der zunächst gescheiterten europäischen Verfassung:
Es geht im Kern um den Abbau der
vielfältigen staatlichen Regulierungen und Einflussnahmen, die einmal
unsere Wirtschaft sozial gestalten (und nebenbei gegenüber dem Kommunismus
reizvoller aussehen lassen) sollten. Damit soll den Prinzipien des offenen,
freien Marktes zu vollem Durchbruch verholfen werden. In der gesamten EU-Wirtschaftspolitik
geht es vor allem um
-
den freien Austausch von Waren, Kapital
und Arbeitskräften (Letzteres vorerst allerdings für die osteuropäischen
Arbeitskräfte nur beschränkt) sowie
-
den Abbau von allerlei Bestimmungen,
die die unternehmerische Freiheit einschränken.
Die dazu passende EU-Beschäftigungspolitik
-
zielt auf die Spreizung der Lohnskala
nach unten und Senkung der Löhne für gering qualifizierte Tätigkeiten
und
-
sie tut gegenüber den Arbeitslosen
so, als seien zuwenig Arbeitssuchende für die Arbeitsplätze da
und nicht etwa zuwenig Arbeitsplätze für die Suchenden; das bedeutet
Verschärfung der Zumutbarkeitsregeln bis hin zum Arbeitszwang.
-
Sozialpolitisch wird das flankiert
durch die Kürzung der Leistungen für Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger.
Wir kennen das aus England, Belgien, Frankreich und natürlich bei
uns von Rot-Grün; nur FDP und Unionsparteien wollen es noch besser
machen...
Wenn dann die verschiedenen Länder
untereinander - und neuerdings auch mit Polen oder Ungarn - darum wetteifern,
wer am schnellsten und am gründlichsten
-
Arbeitsschutz- und Umweltschutzbestimmungen
abbaut,
-
soziale Sicherungen herunterfährt
und soziale Leistungen kürzt,
-
Tarifbrüche seitens der Arbeitgeber
erleichtert und die Entmachtung der Gewerkschaften fördert,
-
die Steuern auf hohe Einkommen senkt,
-
Aktienhandel und Spekulation erleichtert,
-
bislang öffentliche Aufgaben
privaten Unternehmen zur Gewinnerzielung überträgt usw. usf.,
dann gibt das einen Abwärtswettbewerb,
der zwar etliche Leute reicher werden lässt, aber viele Menschen ungesicherter
und ärmer und auch den Staat ärmer macht. Wer anders kann sich
das leisten als Reiche, liebe KollegInnen ??
Bei alledem gebärden sich
unsere Politiker oft als Ausführende, die den Gesetzen der Globalisierung
folgen. Sie verschweigen, dass sie – und gerade Deutschland mit seinem
immensen Gewicht in der EU – in Wirklichkeit vielfach aktive Gestalter
sind, wenn sie zuerst in ihren eigenen Ländern so etwas wie bei uns
die Agenda 2010 betreiben, um dann im europäischen Konzert das Lied
zu singen, dass der Wettbewerb der Standorte europaweit zum Nachziehen
zwinge.
Es sind gerade auch europäische
PolitikerInnen, die dafür verantwortlich sind, dass z.B. noch immer
-
Steuern dort gezahlt werden müssen,
wo das Unternehmen seinen Sitz hat, statt dort, wo die Gewinne gemacht
werden. Was Wunder, wenn die Verlagerung von Arbeitsplätzen
und die Steuerflucht in Steueroasen als legales Mittel ausgiebig genutzt
wird?
-
Noch immer ist es gerade auch in
Europa so, dass die Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung ausschließlich
von der Beschäftigtenzahl abhängen, was arbeitsintensive Betriebe
oft schwer trifft, aber kapitalintensive Betriebe mit riesigen Gewinnen
sehr schont.
Hier gäbe es reichlich Spielraum
für kreative PolitikerInnen, die nach Zukunftslösungen für
das elende Problem der Finanzierung unserer Sozialversicherung angesichts
abnehmenden Bedarfs an menschlicher Arbeit und zunehmender Alterung der
Bevölkerung suchen!
Nun zu den undemokratischen Strukturen.
Dazu gehört ...
-
zum einen, dass die großen
EU-Staaten versuchen, ihr Gewicht in der EU auf Kosten anderer EU-Länder
zu vergrößern. Erinnern wir uns an den Streit um die neue EU-Verfassung,
in dem Spanien und Polen (das damals noch nicht im Club war) auf den Regelungen
über die Stimmengewichtung beharrten, die die EU-Staats-und Regierungschefs
in Nizza im Jahre 2000 festgelegt hatten. Wohl gemerkt: sie beharrten auf
geltendem EU-Recht, wurden aber in den Medien und auch teilweise von ganz
oben dargestellt als egoistische Abzocker, die sich unberechtigt viel Einfluss
sichern wollten. Dabei waren es Deutschland, Italien und Frankreich, die
mehr Einfluss wollten, als sie vorher im Nizza-Vertrag vereinbart hatten!
-
Ebenso als undemokratisch ist anzusehen,
dass das Europäische Parlament zwar vom europäischen Volk gewählt
wird, bei der EU-Gesetzgebung aber nur eine sehr eingeschränkte Rolle
spielt. Das Sagen haben in vielen Fällen Kommission und Ministerrat.
Dieses Demokratie-Defizit muss beseitigt werden, wenn die Menschen in Europa
dieses Parlament richtig ernst nehmen sollen. Ich komme darauf noch zurück.
Schließlich die weitere
Militarisierung der EU:
Die gescheiterte EU-Verfassung
enthält eine bislang wenig bekannte Verpflichtung der Mitgliedsstaaten
-
zur Einrichtung eines europäischen
Rüstungsamtes und
-
zur Finanzierung von Aufrüstung
und militärischer Forschung auf höchstem Aufgaben-Niveau, was
die öffentlichen Kassen bis in die Gemeinden der Mitgliedsstaaten
weiter schröpfen dürfte.
-
Einiges spricht dafür, dass
die EU neben den USA zur weltpolitischen Interventionsmacht umgebaut werden
soll.
-
Ganz offen wird im Konkurrenzkampf
mit den USA eine Oligopolisierung und Stärkung der europäischen
Rüstungsindustrie angestrebt.
-
Und bei künftigen Militäreinsätzen
soll das von den EU-BürgerInnen gewählte Parlament allenfalls
„angehört“ werden, aber der Ministerrat die alleinige Entscheidungsbefugnis
haben.
Wie immer wir zur EU und zu ihrer
Erweiterung stehen, ob wir die EU befürworten, verändern wollen
oder sie ablehnen - wir müssen zumindest darauf hinarbeiten, dass
bestimmte Dinge, die wir nicht wollen, auch nicht passieren, und diejenigen
PolitikerInnen stärken, denen wir das zutrauen. Und wenn die geplante
neue Verfassung zunächst gescheitert ist, dann kann man in mancher
Hinsicht froh darüber sein, auch wenn die Spitze des Deutschen Gewerkschaftsbundes
diese Verfassung befürwortet...
Wenn das Motto für den heutigen
1. Mai „Unser Europa – frei, gleich, gerecht“ mit Sinn gefüllt werden
soll, dann müssen wir für einiges sorgen:
-
Wende zu einer sozialen Wirtschafts-
und Sozialpolitik!
-
Europäische Mindeststandards
für Löhne und Arbeitsbedingungen!
-
Arbeitszeitverkürzung und nicht
Arbeitszeitverlängerung!
-
Mut zur Besteuerung von hohen Einkommen
und Börsen-Spekulationsgewinnen!
-
Keine weitere Militarisierung der
EU! Europa darf nicht mit den USA um die Rolle des Weltpolizisten konkurrieren,
sondern muss seinen globalen Einfluss nicht-militärisch und sozial-präventiv
in die Waagschale werfen.
-
Nicht Aufrüstung gehört
in die Verfassung, sondern Abrüstung!
-
Weitere Demokratisierung der EU!
Stärkung der Rolle des gewählten Parlaments!
Deswegen auch, liebe KollegInnen,
liebe ZuhörerInnen: zwar ohne Illusionen, aber auf jeden Fall im Juni
zur Europawahl gehen und diejenigen Kräfte stärken, denen wir
die richtigen Maßnahmen zutrauen, sonst überlassen wir denen
gänzlich das Feld, deren Erfolg wir eigentlich nicht wollen.
Bernd Krage-Sieber, DGB-Ortsverband
Goslar
|